Ungarn ist eines der Länder mit der ältesten und reichsten Geschichte Europas — vom heiligen König Stephan über den Mongolensturm, 150 Jahre osmanische Besatzung, die Österreichisch-Ungarische Monarchie und die Tragödie von Trianon bis zum Aufstand von 1956, der Wende 1989 und der europäischen Integration. Tausend Jahre Geschichte, die die moderne ungarische Nationalidentität geformt haben.
Die Landnahme (895-896)
Unter der Führung des Fürsten Árpád nahmen die sieben ungarischen Stämme zwischen 895 und 896 das Karpatenbecken in Besitz — die letzte große Wanderungswelle in Europa. Die Ungarn kamen aus der Region um Ural und Wolga nach langer östlicher Wanderung. Nach der Landnahme folgten jahrzehntelang Raubzüge nach Westeuropa (Wien, Mailand, Reims), bis die Niederlagen bei Augsburg (955) und Arcadiopolis (970) die Ungarn zwangen, sesshaft zu werden und sich in einen westeuropäisch-christlichen Staat zu verwandeln.
Der heilige Stephan und das christliche Königreich (1000-1038)
Der heilige Stephan I. (István, um 975 – 1038) — Sohn des Fürsten Géza — krönte sich am Weihnachtstag 1000 oder am 1. Januar 1001 mit einer von Papst Silvester II. gesandten Krone selbst zum König. Diese Heilige Krone ist bis heute das Nationalsymbol Ungarns und im Parlament ausgestellt. Stephan nahm das westliche Christentum an, gründete zehn Bistümer und führte die Gebietsverwaltung ein. Erster ungarischer König, der heiliggesprochen wurde — Kanonisierung 1083.
Der Mongolensturm (1241-1242)
Am 11. April 1241 erlitt König Béla IV. in der Schlacht bei Muhi am Fluss Sajó eine katastrophale Niederlage gegen die Mongolen Batu Khans. Die Mongolen verwüsteten Ungarn ein Jahr lang — 20-50% der Bevölkerung kamen um. Die Invasion wurde erst durch den Tod des Großkhans Ögödei im Januar 1242 unterbrochen (die Mongolen kehrten zurück, um einen neuen Großkhan zu wählen). Béla IV. kehrte zurück, baute das Land wieder auf und ließ steinerne Festungen (Visegrád, Buda) errichten — er wird „zweiter Staatsgründer" genannt.
Das goldene Zeitalter der Anjou (1301-1386)
Nach dem Aussterben der Árpáden-Dynastie 1301 kam Karl Robert von Anjou auf den Thron. Er modernisierte die Wirtschaft und führte den Goldgulden nach europäischem Standard ein. Sein Sohn Ludwig der Große (1342-1382) — einer der mächtigsten Könige Ungarns — wurde ab 1370 auch König von Polen. Die von ihm geschaffene polnisch-ungarische Personalunion begann eine jahrhundertelange Tradition. Ludwigs Eroberungen reichten bis Neapel, Bulgarien und der Walachei.
Johann Hunyadi und Matthias Corvinus (1440-1490)
Johann Hunyadi (János Hunyadi, 1407-1456) — Reichsverweser und Feldherr — errang 1456 bei der Verteidigung von Nándorfehérvár (Belgrad) einen entscheidenden Sieg über Sultan Mehmed II. Dieser Sieg warf die osmanische Expansion in Europa um 70 Jahre zurück. Der Papst ordnete zum ewigen Gedenken an den Triumph an, dass in ganz Europa mittags die Glocken läuten sollten — eine Tradition, die bis heute lebt.
Hunyadis Sohn, König Matthias Corvinus (Mátyás Hunyadi, 1458-1490) — König des goldenen Zeitalters der ungarischen Renaissance. Buda wurde zu einem der glanzvollsten Königshöfe Europas mit italienischen Humanisten und Künstlern. Er gründete die Bibliotheca Corviniana, die größte königliche Bibliothek Europas. „König Matthias ist tot, die Gerechtigkeit ist dahin" — ein Sprichwort, das im ungarischen Volksgedächtnis bis heute lebt.
Die Katastrophe von Mohács und die Türkenherrschaft (1526-1699)
Am 29. August 1526 wurde König Ludwig II. in der Schlacht bei Mohács von Süleyman dem Prächtigen besiegt. Der 20-jährige König ertrank auf der Flucht im Csele-Bach. Dies ist einer der wichtigsten Tage der ungarischen Geschichte — der Tag des Endes des unabhängigen ungarischen Staates.
1541 eroberten die Türken Buda. Ungarn zerfiel in drei Teile:
- Königliches Ungarn — westlicher Streifen unter Habsburger Herrschaft (Pressburg, heute Bratislava, als Hauptstadt)
- Osmanisches Ungarn — Zentralgebiet (Buda, Pécs, Szeged) in Vilayets aufgeteilt
- Siebenbürgen — östliches autonomes Fürstentum, osmanischer Vasall
Die Dreiteilung dauerte 150 Jahre. Das Land war Schauplatz osmanischer Invasionen und habsburgisch-türkischer Kriege. 1686 eroberte die habsburgisch-europäische Koalition Buda zurück. 1699 beendete der Frieden von Karlowitz die osmanische Besatzung.
Der Rákóczi-Freiheitskampf (1703-1711)
Den Aufstand gegen die Habsburger Unterdrückung führte Franz II. Rákóczi 1703-1711. Ein achtjähriger Freiheitskampf — Symbol der ungarischen Unabhängigkeit. Er endete mit dem Frieden von Sathmar 1711; Rákóczi emigrierte in die Türkei (Rodostó — heute Tekirdağ), wo er 1735 starb. Seine Asche wurde 1906 nach Kaschau überführt.
Reformzeit und 1848-1849
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts modernisierte Graf István Széchenyi (1791-1860) — der „größte Ungar" — Ungarn. Er ließ die Kettenbrücke (1849) errichten, die erste feste Brücke über die Donau. Er gründete die Ungarische Akademie der Wissenschaften.
15. März 1848 — die ungarische Revolution bricht aus. Sándor Petőfi rezitierte auf den Stufen des Nationalmuseums das „Nationallied": „Steh auf, Ungar, das Vaterland ruft!" Der Freiheitskampf 1848-49 gegen die Habsburger wurde von Lajos Kossuth geführt. Die ungarischen Truppen errangen im Frühjahr 1849 Siege, wurden aber von den russischen Truppen des Zaren Nikolaus I. niedergeschlagen. Petőfi fiel in der Schlacht bei Segesvár im Alter von 26 Jahren.
Die Österreichisch-Ungarische Monarchie (1867-1918)
Der Ausgleich von 1867 (kiegyezés) schuf die Österreichisch-Ungarische Monarchie — ein dualistisches Reich, in dem Ungarn nahezu vollständige innere Autonomie genoss. Budapest wurde zu einer der am schnellsten wachsenden Hauptstädte der Welt (Millenniums-U-Bahn 1896 — die zweitälteste U-Bahn der Welt, Parlamentsgebäude, Fischerbastei, Andrássy-út). Die Millenniumsfeier 1896 — Jubiläum der 1000-jährigen Landnahme — zog die Aufmerksamkeit Europas auf Budapest.
Trianon — die nationale Tragödie (1920)
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg raubte der Vertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 Ungarn:
- 2/3 seines Gebiets (von 325.000 km² blieben nur 93.000 km²)
- 2/3 seiner Bevölkerung (von 21 Millionen blieben 7,6 Millionen)
- Über 3 Millionen Ungarn fanden sich in neuen Nachbarländern wieder (Rumänien, Tschechoslowakei, Jugoslawien)
Trianon bleibt die schmerzhafteste Wunde des ungarischen Nationalbewusstseins. Der 4. Juni ist seit 2010 der Tag der Nationalen Zusammengehörigkeit.
Die Horthy-Ära und der Zweite Weltkrieg (1920-1945)
Admiral Miklós Horthy leitete als Reichsverweser das „Königreich ohne König" 1920-1944. Ungarn schloss sich den Achsenmächten an, in der Hoffnung, die Trianoner Gebiete zurückzugewinnen. Ungarische Juden — die größte überlebende jüdische Gemeinschaft Europas — waren bis Frühjahr 1944 relativ sicher. Nach der deutschen Besatzung (März 1944) deportierte Adolf Eichmann in sieben Wochen 437.000 ungarische Juden nach Auschwitz, wo die meisten umkamen. Das Budapester Ghetto — 70.000 Juden — wurde dank der Rettungsaktionen von Raoul Wallenberg und Carl Lutz gerettet.
Die Belagerung Budapests, Dezember 1944 bis Februar 1945 — eine der längsten und blutigsten Stadtbelagerungen des Zweiten Weltkriegs. Deutsche und ungarische Truppen verteidigten die Stadt 102 Tage lang gegen die sowjetische Rote Armee.
Kommunistische Diktatur und 1956 (1949-1989)
Ab 1949 terrorisierte die kommunistische Diktatur von Mátyás Rákosi — „Stalins bester ungarischer Schüler" — das Land mit Schauprozessen und Arbeitslagern. Am 23. Oktober 1956 — eine Demonstration der Pester Jugend gegen die sowjetische Unterdrückung breitete sich auf das ganze Land aus. Der Reformer Imre Nagy, Ministerpräsident, bildete eine neue Regierung, erklärte die Neutralität und den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Am 4. November schlugen die sowjetischen Truppen den Aufstand nieder. 200.000 Ungarn flohen; Imre Nagy wurde in einem geheimen Prozess verurteilt und 1958 gehängt.
Die Herrschaft von János Kádár 1957-1989 — „die fröhlichste Baracke" — ein westoffeneres System, „Gulaschkommunismus" genannt.
1989 — die Wende und das demokratische Ungarn
Im Sommer 1989 baute Ungarn den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs an der österreichischen Grenze ab (2. Mai) — als erstes osteuropäisches Land. Am 19. August überquerten beim Paneuropäischen Picknick in Sopron 600 DDR-Flüchtlinge die Grenze in den Westen. Dies löste die ostdeutsche Flüchtlingswelle aus, die zwei Monate später zum Fall der Berliner Mauer führte.
Am 23. Oktober 1989 (am Jahrestag des Aufstands von 1956) wurde die Republik Ungarn ausgerufen. Die ersten freien Wahlen fanden 1990 statt.
Europäische Integration (seit 1999)
Ungarn trat 1999 der NATO bei (zusammen mit Tschechien und Polen) und 2004 der Europäischen Union. Heute ist Ungarn EU-Mitglied mit rund 9,6 Millionen Einwohnern, einer der wichtigsten Staaten Mitteleuropas. Budapest ist eine touristische Hauptstadt — mit über 15 Millionen jährlichen Besuchern eines der beliebtesten Sightseeing-Ziele der Welt.