Ungarn ist eine kulturelle Supermacht in einem kleinen Land — die Liszt-Akademie, die Kodály-Methode, Bartóks Volksmusik, Imre Kertész' Literaturnobelpreis, drei Oscars für Filme (István Szabó, László Nemes, Ildikó Enyedi), das Sziget-Festival und die von der UNESCO gelistete Halas-Spitze bilden gemeinsam Ungarns kulturelle Identität. Entdecken wir die wichtigsten Elemente der ungarischen Kultur.
Die Liszt-Akademie und weltberühmte ungarische Komponisten
Franz Liszt (1811-1886) gründete 1875 in Budapest die Franz-Liszt-Musikakademie — heute eine der renommiertesten musikalischen Hochschulen der Welt. Zu ihren Absolventen zählen Béla Bartók, Zoltán Kodály, Ernő Dohnányi, György Ligeti, György Kurtág. Das Jugendstilgebäude an der Andrássy-út ist selbst eine Sehenswürdigkeit.
Die Kodály-Methode — Ungarns Beitrag zur weltweiten Musikerziehung
Die von Zoltán Kodály (1882-1967) entwickelte Kodály-Methode — musikalische Erziehung auf Basis ungarischer Volkslieder — ist eine der weltweit wirksamsten Methoden musikalischer Kindererziehung. Die UNESCO nahm sie 2016 in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Sie wird in tausenden Schulen in Japan, den USA, Kanada und Europa verwendet. Anfang des 20. Jahrhunderts sammelten Kodály und Bartók mit einem Phonographen 10.000 ungarische Volkslieder auf ihren Dorfreisen.
Literaturnobelpreis — Imre Kertész 2002
Imre Kertész (1929-2016) — Auschwitz-Überlebender — erhielt 2002 den Literaturnobelpreis „für ein Schreiben, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegen die barbarische Willkür der Geschichte behauptet". Sein Hauptwerk, Roman eines Schicksallosen (1975), ist einer der wichtigsten Romane der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts — der Bericht eines 15-jährigen Jungen in den Todeslagern.
Petőfi, Ady, Attila József — die Heiligen der ungarischen Dichtung
Sándor Petőfi (1823-1849) — der Nationaldichter. Sein Nationallied („Steh auf, Ungar, das Vaterland ruft!") entfachte die Revolution von 1848. Er verschwand mit 26 Jahren in der Schlacht bei Segesvár. Endre Ady (1877-1919) — die wichtigste Figur der modernen ungarischen Dichtung, Kopf des Kreises der Zeitschrift „Nyugat". Attila József (1905-1937) — Stimme des proletarischen Budapests, nahm sich mit 32 Jahren am Bahnhof Balatonszárszó unter einem Zug das Leben.
Sándor Márai und die ungarische Prosa
Sándor Márai (1900-1989) — bürgerlicher Schriftsteller, Chronist des Lebens und Untergangs der ungarischen Mittelschicht. Sein Hauptwerk, Die Glut (1942), wurde nach der italienischen Neuübersetzung 1998 zum Welterfolg — in über 30 Sprachen übersetzt. Márai emigrierte 1948, lebte in San Diego, wo er sich mit 89 das Leben nahm. Erst nach seinem Tod wurde er in Ungarn wieder populär.
Ungarisches Kino — drei Oscars
István Szabó gewann 1982 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film für Mephisto (mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle). László Nemes gewann ihn 2016 für Sauls Sohn — einen Film über das Sonderkommando in Auschwitz. Ildikó Enyedi gewann mit Körper und Seele 2018 den Goldenen Bären der Berlinale.
Béla Tarr — einer der radikalsten Regisseure der Filmgeschichte — erlangte mit seinem siebenstündigen Film Sátántangó (1994) internationale Berühmtheit. Susan Sontag nannte ihn „einen der Schöpfer des gegenwärtigen goldenen Zeitalters des Kinos".
Museen und Galerien
Die Ungarische Nationalgalerie in der Budaer Burg — die größte Sammlung ungarischer Kunst mit Werken von Mihály Munkácsy, József Rippl-Rónai, Tivadar Csontváry Kosztka. Das Museum der Bildenden Künste — eines der bedeutendsten Museen Europas für Alte Meister (Raffael, Tizian, Velázquez, El Greco, Goya). Das Museum für Angewandte Kunst im Jugendstilbau Ödön Lechners. Das Haus des Terrors — Museum für die Opfer des Pfeilkreuzler- und kommunistischen Terrors.
Die Táncház-Bewegung
Die 1972 gestartete Táncház-Bewegung (Tanzhaus) — Wiederbelebung ungarischer Volksmusik und Volkstänze — steht auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Junge städtische Intellektuelle sammelten die Traditionen siebenbürgischer Dörfer und verwandelten sie in eine lebendige Gemeinschaftskultur. Csárdás, Verbunkos, Kalotaszeger Tänze leben bis heute. In Budapest gibt es wöchentlich Dutzende Táncház-Veranstaltungen.
Halas-Spitze, Matyó-Stickerei, Herend-Porzellan
Die Halas-Spitze — seit 1902 in Kiskunhalas handgenäht — UNESCO immaterielles Kulturerbe. Selbst ein kleines Stück erfordert Wochen Arbeit. Die Matyó-Stickerei — aus der Gegend um Mezőkövesd — bunte, blumenreiche Stickereien, UNESCO seit 2012. Herend-Porzellan — seit 1826 hergestelltes Luxusporzellan, Lieferant vieler königlicher und staatlicher Höfe der Welt. Zsolnay-Porzellan aus Pécs — einzigartige Stücke der Jugendstilzeit mit Eosin-Glasur.
UNESCO-Welterbe — 8 ungarische Stätten
- Budapest — die Donauufer und die Budaer Burg (1987)
- Altes Dorf Hollókő (1987) — lebendige Palóc-Volkskultur
- Aggteleker Karst (1995) — Europas längste Tropfsteinhöhle
- Erzabtei Pannonhalma (1996) — 1000 Jahre altes Kloster
- Nationalpark Hortobágy (1999) — Puszta
- Frühchristliche Nekropole von Pécs (2000) — Grabkammern aus dem 4. Jahrhundert
- Neusiedler See / Fertő-tó (2001) — gemeinsam mit Österreich
- Weinregion Tokaj-Hegyalja (2002) — eine der ältesten abgegrenzten Weinregionen der Welt
Festivals — Sziget und ungarische Musikkultur
Das Sziget-Festival — eines der größten Musikfestivals Europas, seit 1993 jeden August auf der Budapester Óbudaer Insel. Über 500.000 Besucher in 7 Tagen aus mehr als 60 Ländern. Aufgetreten sind Prince, David Bowie, Rihanna, Kendrick Lamar, Arctic Monkeys, Foo Fighters. „Die Insel der Freiheit" — ein komplettes Kulturfestival mit über 60 Bühnen und 1000 Auftretenden.
Weitere bedeutende Festivals: Tal der Künste (Kapolcs, Juli), Budapester Weinfestival, Balaton Sound, Ozora Psychedelic Festival (eines der weltgrößten Psy-Trance-Festivals).
Volksbräuche und Feiertage
Ostermontag — Locsolkodás: Männer bespritzen Frauen mit Wasser (in Städten heute eher mit Kölnischwasser) mit einem Reim, dafür erhalten sie bemalte Eier. Ein alter Fruchtbarkeitsritus. Weihnachten — Szaloncukor: in Glanzpapier gewickelte Bonbons am Weihnachtsbaum, eine 200 Jahre alte ungarische Tradition. Silvester — Bohnengulasch und Wiener Würstchen. Fasching — Busójárás in Mohács: maskierte Karnevalsumzug — UNESCO immaterielles Kulturerbe.
Ungarische Küche als kulturelle Identität
Die ungarische Küche — potenzieller Weltkulturerbe-Kandidat — ist einer der wichtigsten Ausdrucksformen der ungarischen Nationalidentität. Gulasch, Pörkölt, Halászlé, gefüllter Kohl, Dobos-Torte, Gundel-Palatschinken, Kürtőskalács, Langos. Die von Michelin-Sternen gekrönte Modernisierung der ungarischen Küche der letzten 20 Jahre hat die traditionellen Aromen wiederbelebt. Budapest hat mehr als 7 Restaurants mit Michelin-Stern.